Augen wie ein Adler

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Bild: Mein Blindenflughund Zorro ist bereit für den Einsatz im Cockpit.

“Your eyes are great, tomorrow you gonna fly at the airlines!”, sagte mir der Doktor, als ich In den USA noch nicht einmal 10 Stunden Total Time hatte. Und ja, in den USA dürfte ich, aus medizinischer Sicht, auf der Linie fliegen. Der Augenuntersuch ging in Amerika fünf Minuten. Denn es war ja schon Beweis genug, dass ich unfallfrei per Fahrrad zum Doktor fuhr. Ich brauchte auch keinen zweiten Anlauf, um ihm die Hand zu geben. Aber Spass beiseite, die Tests waren sinnvoll.

Nun in der Schweiz. Ich wurde richtig schikaniert. Eine ganze Stunde lang wurde gesucht, bis endlich ein Problem gefunden war. Ich habe ein latentes Schielen, welches knapp den Grenzwert überschreitet. Theoretisch dürfte ich in der Schweiz gar nicht fliegen. Die Frau Doktor meinte es aber gut mit mir und trug nach ein paar Nachprüfungen den Grenzwert in ihre Liste ein. Trotzdem war sie sich nicht sicher über meine Tauglichkeit, weshalb jetzt die Daten eingeschickt wurden. In den nächsten Wochen werde ich Bescheid bekommen. Trotzdem, ich war geschockt. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich wollte doch das Flugzeug meines Vaters fliegen! Und in Amerika hatte ich ja noch sehr gute Augen!

Ich telefonierte mit meiner Freundin und sie schlug spontan vor, in die USA auszuwandern, wo ich ja fliegen darf. Aber das tun wir erstens sowieso und zweitens war es etwas überreagiert. Nach zwei Stunden Heimfahrt war ich endlich wieder in Davos an meinem Laptop und studierte Gesetzestexte. Die Arztpraxis war sich nämlich, nach eigener Aussage, unsicher über das Prozedere. Nach einigen Stunden fand ich die Textstelle, die mir gefährlich wurde. Man darf nach heutigem Gesetz maximal 12-Prismendioptrien haben und ich hatte beim ersten Test etwas mehr. Das heisst, wenn ich auf den Kugelschreiber starre und ihn näher zur Nase halte, schielt mein rechtes Auge nach aussen (Exophorie). Wir reden hier von einem Abstand von weniger als 10cm. Ich habe jetzt noch nie im Flug eine Fliegerkarte von so nah studieren müssen (ironischer Weise sähe ich ja nichts mehr, mit der Karte vor der Nase!). Realitätsnah war dieser Test also nicht. Für den Erstuntersuch hat es mit etwas Zappeln noch gereicht, aber:  Würde es beim nächsten Mal auch noch klappen? – Das dachte ich heute Nachmittag. Deshalb ging ich noch weiter durch die Texte und sah mir das EASA Gesetz an, welches am 8. April 2012 in Kraft treten sollte.

Das neue EASA Gesetz für 2012 erscheint mir viel liberaler. Etwas Amerikanischer, da simpler. Zukünftig werden die Kriterien für die Augen nicht mehr derart extrem sein. Der Abschnitt über das latente Schielen existiert nicht mal mehr. Somit darf ich jetzt ohne Angst in die Zukunft fliegen. Ich dachte schon, ich würde in wenigen Jahren mein Medical verlieren. Glück gehabt! =) Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied, ob ich ins Ausland auswandern darf, oder muss. Hoffentlich gefällt mir die Schweiz irgendwann wieder. Momentan bin ich aber mitten im Hürdenlauf und etwas schlecht zu sprechen auf meine Heimat.

Ich fühlte mich auch etwas schikaniert, als ich Augentropfen nehmen musste. Mit diesen Tropfen wurden irgendwelche Augenmuskeln gelähmt, damit man die letzten Tests machen konnte. Die vorgeschriebenen Tropfen wären derart stark, dass ich mehr als 24 Stunden nicht mehr richtig sehen könnte. Die Ärztin fand das etwas übertrieben und nahm das schwächere Mittel. Trotzdem war es nicht so witzig. Zurück am Bahnhof hatte ich hunger. Ich ging zum Beck und starrte auf die Theke. Ich sah keine Konturen, keine Brote – das Einzige was ich noch erkannte war eine braune Masse. Ich ging das Risiko ein und sagte: “Ich hätte gerne ein Salami-Sandwich………?” Und der peinliche Moment blieb aus, die Verkäuferin griff in die Theke und gab mir etwas, das die Grösse eines Sandwichs hatte. Ist es eigentlich Sinn und Zweck der Sache, wenn man nach dem Augenarzt nichts mehr sehen kann?

Noch etwas aufmunterndes zum Titel. Vögel haben ein sehr eingeschränktes räumliches Sehen. Räumliches Sehen besteht nur in dem Blickfeld, welches von beiden Augen abgedeckt wird. Ausgenommen ist da nur die Eule, welche wie der Mensch, die Augen vorne hat. Ein Adler wäre nach Europäischem Recht gegroundet. Entweder besinnt sich unser Kontinent zurück an die Wurzeln der Fliegerei, oder es wird jetzt nach und nach gegroundet. Die Hühner waren bloss der Anfang! =) Ich sehe hier Hoffnung für viele der “untauglichen” Piloten, welche am Kriterium des räumlichen Sehens scheiterten.

Appell an Schweizer Ärzte: Piloten sind nicht in dem Sinne Patienten. Sie müssen nicht zwingend krank sein!

An dieser Stelle erhoffe ich mir einen Landesweiten “A-ha Effekt” aus der Reihe der weissen Kitteln und verabschiede mich… auf gehts zur nächsten Schikane!

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